Meine Familie zwischen zwei Welten
  Jana Timofejewa   
Freitag, 13. Januar 2017
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Mutter und Tochter, 2006 im Wertwiesenpark in Heilbronn, dem damaligen Wohnort der Familie. | Foto: privatJeder Mensch hat eine Heimat, aber es gibt Situationen, die die Welt völlig auf den Kopf stellen können und man einen neuen Platz als seine Heimat akzeptieren muss. Als meine Mutter, Julia Timofejewa, 11 Jahre alt war, haben sich ihre Eltern scheiden lassen. Das war in der Zeit der 90er Jahre, deshalb entschied sich mein Opa mit ihr nach Deutschland zu gehen, um ihr eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Im Dezember 1992 ist sie nach Deutschland gekommen, und so fing das Leben in einer neuen Welt an. Ich sprach mit meiner Mutter über ihre und meine Erlebniswelten in Deutschland und Kasachstan. Ein Mutter-Tochter Interview, geführt von Jana Timofejewa.

 

Mama, ich bin im Alter von zwei Jahren mit euch nach Deutschland gekommen und mit zehn Jahren wieder zurück nach Kasachstan. Du kamst mit elf Jahren nach Deutschland und bist sieben Jahre später wieder zurück. Unsere Geschichten sind sich doch ziemlich ähnlich, findest du nicht? Zwei sehr verschiedene Länder. Was waren deine ersten Gedanken, als du nach Deutschland gekommen bist?
Du hast Recht, das sind zwei sehr verschiedene Länder. Um die Zeit der 90er Jahre gab es hier in Kasachstan eine Krise. Viele Lebensmittel haben nicht für alle gereicht. Um zum Beispiel Zucker zu kaufen, musste man in langen Warteschlangen stehen.
Als ich in Deutschland ankam, fühlte ich mich wie in einem Märchen. Obwohl es Winter war, gab es dort immer noch grünes Gras und überhaupt keinen Schnee. Das war um die Weihnachtszeit. Die ganze Stadt bereitete sich auf dieses Fest vor. Wenn ich an meine erste Zeit in Deutschland denke, denke ich vor allem an die vielen Süßigkeiten, die es zur Weihnachtszeit gab, und natürlich an die deutschen Brötchen.

Wie hast du die erste Zeit in Deutschland erlebt? Wie hast du dich gefühlt und welche Probleme hattest du?
Die erste Zeit in Deutschland war sehr schwer für mich. Ich war die „Fremde“ und konnte natürlich überhaupt kein Deutsch. Deshalb gab es auch einige Probleme. Ich war sehr unsicher und dachte immer, wenn jemand lachte, er lache über mich. Wenn die anderen Kinder in der Schule Englisch lernten, musste ich Deutsch belegen, um möglichst schnell die Sprache zu lernen.

Ja, das muss ziemlich schwer gewesen sein, aber es muss doch jemanden gegeben haben, der dich in dieser Zeit unterstützt hat. Bei mir war das zum Beispiel Christina, die ich im Kindergarten kennengelernt habe. Hattest du eine Freundin, die dich unterstützt hat?
Es gab in meiner Klasse ein Mädchen, ihr Name war Adeline. Sie hat mir wirklich sehr geholfen, ohne sie wäre das Lernen in der deutschen Klasse noch schwerer gewesen. In der Zeit war sie meine einzige Freundin. Später, als ich dann schon auf Deutsch sprechen konnte, habe ich gemerkt, dass ich eigentlich gar keine Außenseiterin war. Es kam mir am Anfang nur so vor. Als ich besser auf Deutsch kommunizieren konnte, habe ich noch weitere Freundschaften geschlossen.

Du hast sieben Jahre in Deutschland gelebt. Wie ich verstanden habe, hat es dir in Deutschland gefallen. Wie ist es denn dann dazu gekommen, dass du zurück nach Kasachstan gekommen bist?
In Deutschland habe ich sieben Jahre nur mit meinem Vater gelebt. Obwohl ich dort nach einiger Zeit viele Freunde gefunden hatte, vermisste ich die ganze Zeit meine Mutter, die in Kasachstan geblieben war. Deshalb habe ich mich entschieden, als ich 18 Jahre alt geworden war, nach Kasachstan zurückzugehen. Dort lebte ich bei meiner Mutter, und ein paar Monate später habe ich deinen Vater kennengelernt. Vier Monate später haben wir geheiratet. Im Jahr 2000, bist du dann zur Welt gekommen. Wir hatten nicht viel Geld, nur Papa konnte arbeiten. Ich konnte nicht arbeiten, da du noch zu klein warst.

Später sind wir zusammen nach Deutschland gefahren. Papa konnte doch kein Deutsch. Warum haben wir das gemacht?
Nach Deutschland sind wir gefahren, als du noch klein warst. Dort war die Welt bunter, und es war leichter, Geld zu verdienen. Du bist zunächst bei Papa geblieben. Nach deinem zweiten Geburtstag, seid ihr dann zu mir gekommen. Ich kann mich immer noch daran erinnern, wie ich euch vermisst und geweint habe, als du angerufen hast.
Natürlich war das Leben für Papa dort nicht leicht; aber er hat mich selbst dazu überredet nach Deutschland zu gehen. Er musste anfangen Deutsch zu lernen, was ihm zunächst nicht leicht fiel. Doch nach fünf Jahren, als du schon in die erste Klasse gegangen bist und Papa angefangen hat zu arbeiten, hat er schon fließend Deutsch gesprochen. Übrigens, du hast nach drei Monaten im Kindergarten angefangen, Deutsch zu sprechen. Ehrlich gesagt haben wir das nicht erwartet.

Wir haben uns schnell an das Leben in einem neuen Land gewöhnt. So wie ich weiß, haben wir in Deutschland ganze neun Jahre gelebt. Mein Bruder Kirill ist auch noch in Deutschland geboren. Ich habe mich immer gefragt, warum wir Deutschland verlassen haben.
In Deutschland haben wir eine lange Zeit gelebt und du hattest viele Freunde, die du jetzt bestimmt vermisst. Als du in der 3. Klasse warst, ist Kirill geboren worden. Für die ganze Familie war das eine schöne Überraschung. Sogar deine Oma ist nach Deutschland gekommen, um uns zu besuchen. Sie hat sich um euch gekümmert, solange ich im Krankenhaus war. Im Sommer sind wir nach Kasachstan gefahren. Gleich wurde mir klar, dass wir unsere Familie sehr vermisst haben. Vor allem meine Mutter hatte ich vermisst, ohne die ich lange Zeit gelebt habe. Ich habe sie sehr gebraucht. Als der Urlaub beendet war, haben wir noch lange darüber geredet, dass das Leben ohne Familie viel schwerer ist, als wir gedacht haben. Schließlich haben wir beschlossen zurück nach Kasachstan zu gehen. So haben wir angefangen uns vorzubereiten. Am 5. Juni 2010 sind wir in Kasachstan gelandet und haben ein neues Leben angefangen.

Ich erinnere mich noch an die Tage, als wir angekommen sind und ich alle umarmen wollte. So viele Gefühle waren in mir, ich hätte platzen können. Ehrlich gesagt, vermisse ich Deutschland. Geht es dir genauso?
Ja, ich vermisse Deutschland, aber momentan können wir nicht zurückkehren, da die Eltern deines Vaters unsere Hilfe brauchen und ich nicht dazu bereit bin, meine Mutter noch einmal zu verlassen.