Postsowjetische Erinnerungskultur
  Julia Boxler   
Freitag, 30. Dezember 2016
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Die lebendigen Schilderungen der passionierten Karlag-Forscherin sollen statt bei den Zuhörern Angst zu schüren, zur Reflexion anregen. | Foto: Azamat Taskimyaev
25 Jahre nach dem Zusammenbruch der UdSSR feiert man in Kasachstan die Errungenschaften der Unabhängigkeit. Doch was ist „das Danach“? Ein noch immer andauernder Transformationsprozess in dem die „jungen Republiken“ stecken? Oft hat man in Zentralasien das Gefühl, dass die Vergangenheit zwar vorbei, aber lange nicht verarbeitet ist. Umso symbolischer mutete auch der Ort der Veranstaltung an, das ehemalige Weiße Haus der ehemaligen Hauptstadt, wo sich heute die Kasachisch-Britische Universität befindet.

 

Kasachstan feierte soeben seine 25-jährige Unabhängigkeit, wie viele andere Länder der ehemaligen Sowjetunion. Einige Tage zuvor fand am 10. Dezember der Tag der Menschenrechte statt. Dieser Tag der internationale Gedenktag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die nach dem Zweiten Weltkrieg, am 10. Dezember 1948, durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurde.
Was haben aber Menschenrechte mit der UdSSR-Vergangenheit zu tun? Sehr viel – meinen die Begründer der Bildungsinitiative „Open Mind“ und widmen einen Vortragszyklus unter dem Titel „Lebendige Erinnerung“ der kollektiven Erinnerung an die Repressionen der 30er und 40er Jahre.

Systematische Entmenschlichung

Die Journalistin und Publizistin Jekaterina Kusnezowa beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Thema des von 1931-1959 bestehenden Arbeitslagers Karlag und seinen Gräueln sowie dem Staatsapparat dahinter.
Selbst seit 1955 in Karaganda, erlebte sie die Lagerstadt, die auch heute noch diese Züge trägt. „Als junges Mädchen sah ich, wie sie in einfachen Lastwagen Leute in Mützen in die Lagerstadt fuhren. Sie mussten in Reihen hocken und mussten sich gegenseitig mit den Armen unterhaken. So konnten sie, wenn sie fliehen wollten nicht rennen – wegen der unterbrochenen Blutzufuhr war es unmöglich schnell aufzustehen und davonzulaufen. So zeigte sich Karaganda bei meiner Ankunft dort.“ Alles folgte einem institutionalisierten Unterdrückungssystem und wurde minutiös protokolliert.*
Historiker vermuten, dass von den 800.000 Gefangenen mindesten 70.000 starben. Zu diesen Menschen recherchierte Kusnezowa während und nach ihrer späteren Arbeit in der Regionalzeitung in Tausenden von Akten des lagereigenen Archivs. Sie las unzählige persönliche Schilderungen und führte etliche Interviews mit Opfern, Überlebenden und Angehörigen. Viele der Karlag-Häftlinge waren Akademiker – Intellektuelle, Wissenschaftler, Querdenker, Künstler – ihr Talent und ihr Schaffen prägen das Stadtbild bis zum heutigen Tage. Auch Kusnezowa setzt sich bis jetzt für Aufklärung und Aufarbeitung der Lagervergangenheit und des Apparates dahinter ein.

Repressionssysteme sind auf Angst gebaut

Bei ihren Vorträgen will sie nicht nur von dem Elend und Horror jener Tage berichten und die Aufmerksamkeit nur durch Angst gewinnen. Sehr anschaulich und lebendig schildert sie die Regularien und das Überleben im Karlag. Deshalb verurteilt sie auch die gegenwärtige museale Aufarbeitung in Karaganda, die nicht auf faktischer Aufarbeitung und Archivarbeit beruhe, sondern einen morbiden Horrorspektakel-Charakter trage. Die Folter– und Erschießungskammern, wie sie in der heutigen Gedenkstätte den Besuchern schaudern, hätte es in der Art nie gegeben. Es finde eine „Falsifikation und Profanisierung der Geschichte“ statt. Sie appelliert, statt an Furcht, an Gerechtigkeit, an den gesunden Menschenverstand und das Verantwortungsgefühl eines jeden. Denn auf Angst sind Repressionssysteme gebaut.
Es wäre nicht die physische Gewalt gewesen, die die Insassen der Lager gebrochen habe. Es war die absolute Entmenschlichung, geschaffen von systematisierten inhumanen Bedingungen, Erniedrigung und Leid. Die nach dem §58 verurteilten Politgefangen, die das härteste Los traf, mussten bei Entlassung alle eine Verpflichtungserklärung über Geheimhaltung auf 25 Jahre unterschreiben. „Die Hauptsubstanz der Stadt bildete Angst“, erinnert sich Kusnezowa. Fast 30 Jahre nach seiner Schließung sollte erst über das Arbeitslager Karlag offen berichtet und gesprochen werden. Obwohl Karaganda Ende 1988 nach Almaty die zweitgrößte Bevölkerung stellte und fast jede Familie Erfahrung hatte mit Deportation, Repressionen, Enteignung, politischer Verfolgung, Haft, oder Erschießung von Nahestehenden. Und mittlerweile wurden diese auch als Stalinistische Säuberungen verurteilt.

Perestroika gab Hoffnung auf Gerechtigkeit

Der Beginn der Aufarbeitung war erst in der Zeit der Perestroika möglich geworden. Der deutschstämmige Journalist Viktor Dick veröffentlichte im August 1988 erstmals einen Essay zum Karlag in der Parteizeitung „Kasachstanskaja Prawda“. Damals basierte sein ganzseitiger Beitrag noch nicht auf Fakten und Dokumenten, sondern auf Erzählungen, Spekulationen und Gerüchten. Es machte Furore, wurde zahlreich nachgedruckt und brachte das bislang tabuisierte Thema schlagartig auf die Tagesagenda. Daraufhin folgten viele Leserbriefe von Opfern, Angehörigen mit teils schwer zu ertragenden Schicksalsschilderungen. Kusnezowa setzte sich dafür ein, dass diese Briefe in ihrer Regionalzeitung „Industralnaja Karaganda“ abgedruckt wurden.

Foto: Azamat Taskimyaev

Alle Verantwortung von sich weisen

Darauf folgte der Widerstand der ehemaligen Diensthabenden und ihrer Nachkommen. Als echte Journalistin, suchte Kusnezowa deshalb auch Kontakt zu den sogenannten „Tätern“ und ist bis heute über einige wenige Gespräche und Auskünfte von dieser Seite dankbar.
Aufgrund der gesellschaftlichen Rumore wurde eine Kommission zur „Wiederherstellung der Gerechtigkeit“ einberufen, die sich mit den Opfern der stalinistischen Repressionen beschäftigen sollte. Allerdings bestand diese ausschließlich aus Parteimitgliedern und ehemaligen Mitarbeitern sowie Diensthabenden des früheren Lagersystems. Keine Stimme wurde den Opfern zugesprochen. Wie auch aus der deutschen Geschichte bekannt, sollen alle mit den Gräueln in Zusammenhang gebrachten ehemaligen Lageraufseher und Diensthabenden jegliche Verantwortung von sich gewiesen haben. „In Dolinka der ehemaligen Lagerverwaltung traf ich den Vorsitzenden des Veteranenverbands, ein Kriegsheld an der Front, der später zum inneren Wachdienst des Lagers gehörte. Er sagte mir: ‚Denken Sie, wir wussten nicht, wen wir da beaufsichtigten ‚Wir wussten es. Aber was konnten wir ändern? Ich konnte nicht einmal meiner Frau von meinen Bedenken berichten.‘“
Sie hätten lediglich Befehle ausgeführt, hätten keine Entscheidungspositionen eingenommen, wären nur in kleinen Positionen beschäftigt gewesen… „Sie hatten alle sichtlich Angst“, so Kusnezowa „und wiesen alle Anklagen als Verleumdung zurück“. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR geriet das alles in Vergessenheit und alle sich bisher im Prozess befindenden Angeklagten wurden freigesprochen und rehabilitiert.
So blieb jegliche Gerechtigkeit für die Opfer und ihre Nachkommen aus. Was aber fast noch mehr überraschte, ist, dass selbst Nachkommen der im Lager Erschossenen oder Umgekommenen die Arbeit und Notwendigkeit der Kommission anzweifelten, da diese indirekt die Apparate der sowjetischen Staatsmacht angriff. So hat es weder die Tätergeneration, noch die darauffolgende eingesehen, dass es zumindest eine moralische Mitverantwortung gab. „Wenn ein Soldat nicht das Verbrecherische des von ihm ausgeführten Befehls nachvollziehen kann, wird unsere Welt sich niemals ändern.“

„Moralische Unbehaglichkeit schaffen“

Kusnezowa erzählt gern und der Funke springt beim Zuhörer über. Sie freut sich, dass immer noch manche, insbesondere junge Menschen, an der Geschichte Interesse zeigen. Auch wenn die Forscherin kaum mehr zu Gesprächsrunden und Diskussionen, wie noch vor einigen Jahren, eingeladen wird und somit keine Aufklärungsarbeit an Schulen und Universitäten mehr leistet. „Man möchte sich heute meist das schöne Leben nicht mit dieser Geschichte des Grauens erschweren“, bemerkt sie sarkastisch. Gerechtigkeit sei aber nur mit brutaler Realität herzustellen, so Kusnezowa, nicht mit getönten, verdrehten Vergangenheitsbildern. „Man muss niemanden bestrafen und einbuchten, man muss eine Atmosphäre der moralischen Unbehaglichkeit schaffen.“
Es stellt sich die Frage, ob diese Ohnmacht gegenüber der Geschichte, die eher zur Verdrängung, als zur Aufarbeitung führte, nicht ebenso dazu führt, dass auch heutzutage bestehende Strukturen nur zögerlich hinterfragt werden. Sollte doch eine gesunde Gesellschaft in einer ständigen Bewegung, einer kritischen und objektiven Analyse der Vergangenheit und Gegenwart leben, um Fehler in Zukunft nicht zu wiederholen.
Es geht nicht darum, die Schuldigen von damals zur Rechenschaft zu ziehen – in den meisten Fällen wäre es ohnehin zu spät. Auch nicht um das Eingeständnis einer Kollektivschuld (wie z.B. in Deutschland im Zusammenhang mit Konzentrationslagern oft diskutiert). Viel eher geht es um Aufschlüsselung der Schicksale der Opfer und auch ihrer Peiniger und eine Art wahrhaftige Erinnerungsschuld.

 * Der Vortrag von Ewgenij Schowitis (Direktor des Kasachstanischen Büros für Menschenrechte und gesetzliche Gerechtigkeit) beschäftigte sich mit Paragraphen, Gesetzen, Richtlinien, Zahlen, Prozenten – alles technokratische Formausdrücke, die einer Verwaltung des Stalinistischen Terrors zugeordnet werden konnten. Fast maschinell trug Schowitis die allesamt belegten Fakten einer institutionalisierten, systematisierten und bürokratisierten Entmenschlichung vor. Neben Stalins Todeslisten kam das grundsätzliche Fehlen jeglicher Gerechtigkeit und Möglichkeit der gesetzlichen Wehr zu Tage. „Alles basierte nicht auf Gesetzen, sondern auf geheimen Instruktionen.“

Ein Ende ist stets Beginn
Nahezu parallel zu den Vorträgen eröffnete in der Kasachisch-Britischen Universität eine Ausstellung, die sich unter anderem ebenfalls mit Erinnerung und Kollektivität beschäftigte.
Unterstützt von der Friedrich-Ebert-Stiftung, versuchte sich das prozessuale Ausstellungsprojekt „Post/Начало“ dem ‚Was kommt danach?‘ und dem ‚Was beginnt nun?‘ zu nähern. Es geht um eine Draufsicht auf die Postsowjetische Ära, auf das bereits auslaufende postmoderne Jetzt und um einen vagen Blick in die bereits verspürte Zukunft. 21 Künstlerinnen und Künstler beschäftigten sich kollektiv mit den zeitgenössischen Fragestelllungen der kasachstanischen Gesellschaft und suchten Antworten im Prozess des Projekts. Initiatorin und Kuratorin des Projekts ist Alexandra Zai, in Zusammenarbeit mit dem Dekan der Allgemeinen Fakultät der Kasachisch-Britischen Universität Michail Akulow.

Foto: Dastan Zhumagulov