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Zentralasien – historisches Herz der muslimischen Welt Drucken
  Thomas Ciboulet, aus dem Französischen übersetzt von Agnes Lüdicke   
Freitag, 10. Februar 2017
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Samarkand in Usbekistan. | Bild: Christopher Rose
Zentralasien wird oft als eine Randregion oder Knotenpunkt zwischen mehreren Kulturen angesehen und weniger bekannt für seine geschichtliche Rolle als historisches Zentrum des Islam. Der Beitrag der Region zu dieser Religion ist jedoch beträchtlich. Eine geschichtliche Aufarbeitung.

 

Im Jahr 751 n. Chr. fand die Schlacht am Talas an der Grenze des heutigen Kirgistans und Kasachstans statt. Zwei Armeen stehen sich hier gegenüber: die arabische Armee der Abbasiden und die chinesische Armee der Tang-Dynastie. Die Abbasiden werden siegen. Dieses Ereignis, in Europa vollkommen unbekannt, ist von enormer Wichtigkeit in Asien: es drängt Zentralasien aus dem chinesischen Einflussbereich und markiert den Eintritt in die arabische und muslimische Welt.
China zieht sich endgültig aus dieser Region zurück und kehrt bis auf seinen östlichen Teil, Xinjiang und Tibet, ungefähr im 19. Jahrhundert auch nicht zurück. Zentralasien, bereits ein Treffpunkt der Kulturen, arabisiert sich nach dieser Umorganisation der Machtstrukturen, um wieder eine Region türkisch-persischer Kultur zu werden. Doch ein anderer ebenfalls wenig bekannter Aspekt der Geschichte ist der Beitrag Zentralasiens zur islamischen Welt.

Zentralasien – eine wichtige Region der muslimischen Welt

Zentralasien wird oft als eine Peripherie der russischen oder der muslimischen Welt angesehen. Wenn die Vereinigten Staaten den „Großraum Mittlerer Osten“ definieren, stellt sich die Frage, ob das postsowjetische Zentralasien dazu gezählt werden soll: wird die Region als muslimisch oder als „nahes Ausland“ Russlands gesehen? Wenn man an die islamische Zivilisation denkt, kommen einem die Moscheen im Irak, in Syrien, in der Türkei, im Maghreb oder in Ägypten in den Kopf.
Man vergisst, dass der Islam vor allem eine asiatische (zum Beispiel in Indonesien, Pakistan, Bangladesch, Indien) Religion ist und selbst in dieser Definition denkt man nicht gleich an Zentralasien. Dennoch ist der zentralasiatische Beitrag zur muslimischen Welt beträchtlich.
Alle Moscheen, alle Koranschulen (Medressen) und alle Bauwerke, die es in jeder Stadt Zentralasiens zu sehen gibt, aufzuzählen würde lange dauern – so weit verbreitet sind sie in Zentralasien. Kokand in Usbekistan war vor der Sowjetzeit eine Stadt mit mehr als 600 Moscheen und fünfzehn Medressen. Osch in Kirgistan hat eine mystische Dimension, am Fuße des Berges Suleyman Too, der Legende nach „Thron des Salomon“ und mit seinen beiden Moscheen des Basar und Rabat Abdul Khan.

Buchara in Usbekistan. | Bild: Christopher RoseBuchara, „Kuppel des Islam“

Samarkand, die Stadt des usbekischen Nationalhelden Tamerlan, ist bekannt für ihren Registan (Hauptplatz oder „sandiger Platz“, Anm. der Redaktion) und vor allem die große Moschee Bibi Chanum. Seit dem gleichnamigen Buch, das Amin Maaluf ihr 1988 gewidmet hat, hat die Stadt einen besonderen Ruf.
In der Stadt Chiwa, ebenfalls in Usbekistan, findet man einen nahezu heiligen Ort, das Mausoleum des Kriegers und Poeten Pachlawan Machmud. Die Stadt Buchara im Süden das Landes tragt sogar den Spitznamen „Kuppel des Islam“, so bedeutend war Buchara für diese Welt.
Die muslimische Präsenz ist in jeder dieser Städte zu spüren. Usbekistan und Turkmenistan sind islamisierter, als Kasachstan oder Kirgistan. Aber wie hat diese Region die islamische Welt außerhalb ihrer Grenzen beeinflusst?

Algebra, eine zentralasiatische Erfindung

Zahlreiche französische Wörter kommen aus dem Arabischen, vor allem im Bereich der Mathematik. Die Wörter der Algebra und des Algorithmus stammen vom Mathematiker Abu Dscha’far Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi, abgekürzt al-Chwarizmi, und aus seinem Buch al-Kitāb al-muḫtaṣar fī ḥisāb al-ğabr wa-ʾl-muqābala („Das kurzgefasste Buch über die Rechenverfahren durch Ergänzen und Ausgleichen“).
Der Name dieses Mathematikers, al-Chwarizmi, zeigt deutlich seine Herkunft: die Region Choresm, die Region von Chiva, wo er geboren ist. Obwohl der Mathematiker in der arabischen Sprache schreibt, kommt er tatsächlich aus dem heutigen Usbekistan. Dies gilt ebenso für einen anderen Chwarizmi, Muhammad ibn Ahmad, geboren in Balch, heutiges Afghanistan, nahe den usbekischen und turkmenischen Grenzen, der im 10. Jahrhundert eine Enzyklopädie geschrieben hat. Choresm ist die Heimat eines weiteren Genies der islamischen Welt, der Mathematiker al-Biruni, der in Kath in der Nähe von Urgentsch im heutigen Usbekistan geboren wurde.

Eine der größten Berichterstatter des Propheten Mohammed

Buchara ist ebenfalls wichtig für die islamische Kultur: Einer der größten Überlieferer der Aussprüche des Propheten Mohammed (der Hadith) ist hier geboren und trägt den Namen der Stadt, der Imam al-Buchārī. Der Name Buchārī existiert auch heute noch in der islamischen Welt, und hat sich bis nach Maghreb verbreitet.
Dieser Name bedeutet, dass ein vermeintlicher Vorfahre dieser Person ursprünglich aus der Stadt Buchara stammt. Somit wird deutlich, dass die großen arabischen oder muslimischen Wissenschaftler, die bis nach Europa wirkten, eigentlich ursprünglich aus Zentralasien kommen. Hier können noch weitere Namen hinzugefügt werden, wie zum Beispiel. der ʿOmar Chayyāms, persischer Dichter, geboren in Nischapur in Chorasan im heutigen nordöstlichen Iran.

Eine wichtige Rolle im Sufismus

Zentralasien nimmt ebenfalls eine wichtige Rolle hinsichtlich seines Einflusses im Sufismus ein. Eine der vier Haupt-Sufi-Bruderschaften in der Welt, die Naqschbandīya, wurde im 14. Jahrhundert von Baha-ud-Din Naqschband gegründet, ein Tadschike aus Buchara. Die Naqschbandīya ist in ganz Zentralasien verbreitet, ebenso wie in der russischen islamischen Welt (Tschetschenien, Dagestan), der arabischen Welt (Ägypten, Syrien, Palästina), in Indien und in China.
Um nur zwei Beispiele dieses Erbes zu nennen, ist zum einen die Haji-Yakub-Moschee zu erwähnen, benannt nach dem „heiligen“ religiösen Führer Haji Yakub, oder auch das Mausoleum des chinesischen Naqschbandi-Scheichs Ma Laichi in Gansu im westlichen China.

Im Herzen mehrerer Reiche

Eine alte Moschee in Taschkent, Usbekistan. | Bild: Christopher RoseAbgesehen von diesen Namen aus dem Mittelalter darf man nicht vergessen, dass Zentralasien das Herz mehrerer muslimischer Reiche ist. Die Turkvölker haben sich hier größtenteils niedergelassen, bevor einige von ihnen sich in Anatolien ansiedelten; insbesondere die Stämme der Oghusen oder Yörük. Unter den Oghusen entstand das Großseldschukenreich, dessen Nachfolger vereinfacht gesagt die Turkmenen sind. Darauf folgte das Osmanische Reich.
Ebenso haben die Mongolen eines der größten Reiche der Welt geschaffen, dessen Basis das östliche Zentralasien, die heutige Mongolei, ist. Den Mongolen und Turkvölkern wurde ein großer Eroberer geboren – im Westen Timur oder Tamerlan genannt. Sein Reich vereinte Zentralasien, den Iran, einen Teil der arabischen Welt und Anatolien, nachdem sie über die Ottomanen in Ankara gesiegt hatten. Tamerlan starb bevor er seinen Traum realisieren konnte: in China einzumarschieren. Sein Reich brach kurz danach zusammen. Seine letzten Nachfolger sind die Gründer der Dynastie der Großmoguln in Indien, die bis zur britischen Kolonisierung herrschten.
Schließlich konvertieren die turko-mongolischen Anführer, die Russland beherrschen – die Goldene Horde – zum Islam. Als Iwan der Schreckliche seine Souveränität zurückerlangte, floh ein Teil dieser Mongolen Richtung Zentralasien und teilte sich in zwei Zweige auf: vereinfacht die Kasachen und die Usbeken. Die Usbeken besiegten auch das Reich der Timuriden, die Erben Tamerlans, um daraufhin sein Erbe für sich in Anspruch nehmen. Andere verbleiben als Minderheiten im russischen Reich und sind unter dem einheitlichen Namen der Tataren Kasans bekannt.
Die Tataren Kasans sind den Usbeken und Kasachen durch ihre turko-mongolische Kultur sehr nah, jedoch haben sie gleichzeitig durch die folgende russische Herrschaft eine wichtige Rolle in der sogenannten Nahda-Bewegung eingenommen, die Periode der „Renaissance“ der arabischen Welt im 19. Jahrhundert. Der erste Koran wurde in Kasan gedruckt. Aus dieser Bewegung geht der Dschadidismus hervor, eine muslimische Reformströmung, die Mahmud Khoja Behbudi, der ursprünglich aus Samarkand kommt, von der Krim nach Zentralasien importierte.
Die Sowjetzeit hat dem Islam in Zentralasien einen Schlag versetzt, aber einige Denkmäler blieben erhalten: die Sowjets restaurierten die Bibi-Chanum-Moschee in Samarkand, die viele Erdbeben erlebte. Ebenfalls wurde der älteste Koran der Welt, der von Tamerlan nach Samarkand gebracht und dann zur Zeit der russischen Eroberung nach St. Petersburg überführt wurde, an Usbekistan zurückgegeben, wo man ihn heute in Taschkent betrachten kann.
Heute schwanken die politischen Regimes vor Ort zwischen einer Politik muslimischer Kultur, welche die islamistischen Parteien bevorzugen, und einem Autoritarismus gegenüber dem Religiösen. Trotz des sowjetischen Einfluss gibt es auch moderne Beispiele eines gelebten Islams in Zentralasien. In tadschikischen Pamir leben die Ismailiten, die einen ideologiekritischen Zweig der im Mittelalter sehr einflussreichen Schia vertreten, den es sonst in der Welt kaum gibt.

Besonderheit der zentralasiatischen Staaten

Man sollte jedoch die Besonderheiten der verschiedenen Regionen oder der verschiedenen Völker verstehen. So wird bestaunt, wie sehr sich die islamische Kultur Zentralasiens im heutigen Usbekistan konzentriert. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Oasen in dieser Region wichtige Stationen der Seidenstraße waren, wie die städtischen Zentren der iranischen Kultur, und die Karawanen Imperien der Araber und Mongolen durch diese Gegenden zogen. Das heutige Kasachstan hat keine solche „historische Stadtkultur“. Die Usbeken wurden auch schneller sesshaft und islamisierten sich wesentlich schneller als die Kasachen, obwohl beide Völker aus den zwei Bunden der Goldenen Horde hervorgehen und somit eine gemeinsame Vergangenheit haben. Darüber hinaus sind die gegenwärtigen Länder sowjetische Konstruktionen. In den großen Städten ist es nicht selten, dass man Menschen aus allen fünf zentralasiatischen Republiken begegnet. In den Städten Chiwa, Buchara und vor allem in Samarkand lebten große tadschikische Gemeinschaften, im Fall von Samarkand stellten sie sogar eine Mehrheit. Diese Vielfalt besteht auch noch heute. Durch das Erbe der Sowjetunion ist Tadschikistan heutzutage von seinen urbanen Zentren abgeschnitten, die sich in Usbekistan befinden.
Die Geschichte der Region erklärt, warum eine solche Ungleichheit hinsichtlich des islamischen Erbes zwischen den zentralasiatischen Ländern besteht. Doch was auch immer diese Ungleichheiten sein mögen, so ist der Stereotyp eines nomadischen, turko-mongolischen Zentralasiens ohne Teilnahme an der Geschichtsschreibung falsch. Kulturell gesehen wäre es also einfach, die Region als eine Peripherie einer arabisch-muslimischen Welt zu sehen, obwohl sie hinsichtlich der Geschichte dieser Welt tatsächlich ein Zentrum war.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Nachrichtenportal www.novastan.org. Wir veröffentlichen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

 

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