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Nachtzüge als Kulturerscheinung Drucken
  Peter Enders   
Freitag, 30. Dezember 2016
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Foto: DB AG / Volker Emersleben
Am 18. Dezember fuhr zum ersten Mal ein neuer russischer Nachtzug aus Moskau nach über 20 Stunden Fahrt am Bahnhof Berlin Ostbahnhof ein. Die 1900 Kilometer lange Strecke ist damit eröffnet. Die deutsche Bahn hat ihren Nachtzugbetrieb gänzlich eingestellt. Deutschlandradio-Redakteurin Kathrin Hondl und Literaturübersetzerin Gabriele Leupold, die gern mit (Nacht-)Zügen durch Russland reist, setzten sich mit dem Nachtzug als gesellschaftliches und literarisches Phänomen auseinander. Ein Medienkommentar von Peter Enders.

 Fahrt des “STRIZH” (“Mauersegler”) von Moskau nach Berlin Empfang des Zuges 13/14 Moskau – Berlin – Moskau Alexander Kaczmarek, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn für die Bundeshauptstadt Berlin hat im Berliner Ostbahnhof den ersten Talgo-Zug bei seiner Ankunft nach der Reise von Moskau nach Berlin, die nur 20 Stunden und 14 Minuten dauerte, empfangen. Die Reisezeitverkürzung von 4,5 Stunden wird dank der automatischen Umspurung erreicht. | Foto: DB AG / Volker Emersleben

Nachtzüge sind ein beliebter Schauplatz für literarische Fiktionen, siehe z. B. Agatha Christies „Mord im Orient Express“, Pascal Merciers (Peter Bieris) „Nachtzug nach Lissabon“, Dostojewskis „Der Idiot“ (Rückfahrt aus dem schweizer Sanatorium nach Moskau, die zu einem Dreiecks– bzw. Vierecks-Verhältnis führt). Anna Karenina lernt im Zug die Mutter ihres künftigen Geliebten, Wronski, kennen. Tschechows „Im Waggon“ (1881) ist ein kleines Panoptikum der russischen Gesellschaft, ähnlich Natalja Kljutscharjowas „Endstation Russland“ (2010). Bei Nikolai Nekrasow („Eisenbahn“, 1864) ist die Eisenbahn ein Symbol der krassen sozialen
Unterschiede.
Die Übersetzerin Gabriele Leupold sieht Nacht und Zug als Zwischenräume. Gespräche mit Menschen, die man nur dieses eine Mal trifft, können oft viel offener von sich gehen. Das ‚Verstöpseln mit Mobiltelefonen‘ und dergleichen hat jedoch sicher zu einer Abnahme von Gesprächen mit Unbekannten im Zug geführt. Leupold hat auf ihren Zugfahrten nach und durch Russland (seit 1974) viel zugehört und so Menschen und Sprache besser kennengelernt. „Zu Sowjetzeiten waren die Züge voller“, erzählt sie, und sie spielen keine Rolle mehr als „Informationsbörse“ (die Züge waren so laut, dass man keine Angst haben musste, abgehört zu werden). Auch gibt es nicht mehr die vielen Zollkontrollen von Passagieren „aus dem Westen“.
 

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