| Zentralasien polarisiert Forscher | | Drucken | |
|   von Sören Urbansky | |
| Freitag, 20. August 2010 | |
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/Bild: photos.iccees2010.se. 'Osteuropa-Experten im Gespräch: „Blickwinkel Richtung Asien erweitert“.'/ Die Entscheidung des Leibarztes von Michail Gorbatschow hatte den Stockholmer Organisatoren einen Strich durch die Rechnung gemacht: Sein Gesundheitszustand hindere ihn, den Weltkongress der Osteuropaforscher mit einer Rede zu eröffnen, hieß es in einer Erklärung. Gorbatschows langjähriger Dolmetscher verlas stattdessen das Manuskript, während die Gäste bereits nach den schwedischen Heringshäppchen schielten. Doch Gorbatschow und Perestroika, worüber im Anschluss auch der emeritierte Politikwissenschaftler und Historiker Archie Brown aus Oxford reflektierte, stehen für das Gestern einer ganzen Forschergemeinde. Obschon die Verdienste des elder statesman durchaus in Asien zu suchen sind – sein Besuch in Peking im Frühling 1989 wird allzu häufig vergessen – verbindet selbst die akademische Welt mit Gorbatschow zuerst das Ende der Teilung Europas. Diese Welt, Osteuropa-Experten unterschiedlicher Disziplinen, hat bereits ihren Blickwinkel über Osteuropa hinaus Richtung Asien erweitert: Das Motto des Kongresses lautet „Eurasia – Prospects for a wider communication“. Ideologiefreies Diskussionsforum
Der nunmehr achte Kongress des International Council for Central and East European Studies (ICCEES) Ende Juli in Stockholm hat nur noch wenig mit seinen Vorläufern gemein. Auf dem Gründungskongress 1974 in Banff, Kanada, waren lediglich Wissenschaftler der westlichen Staatenwelt anwesend. Ins englische Harrogate 1990 reiste erstmals eine größere Forschergruppe aus den ehemaligen Ostblockstaaten. Der alle fünf Jahre tagende Kongress wandelte sich seither von einer vom Kalten Krieg gezeichneten Veranstaltung hin zu einem ideologiefreien Forum der Gegenwart des östlichen Europas. Und genau darin lag das paradoxe Problem, für das sich nun eine Lösung abzuzeichnen scheint. Die rund anderthalb Tausend Wissenschaftler in Stockholm – Slawisten, Politologen, Soziologen, Historiker, Linguisten und Vertreter vieler weiterer Disziplinen – lehren und forschen auf allen fünf Kontinenten. Insbesondere die Zahl der asiatischen Teilnehmer hat verglichen mit dem letzten Kongress in Berlin 2005 stark zugenommen. Sechzig Vertreter aus Japan sind angereist, rund zwei Dutzend Kollegen aus Südkorea, China, dem Iran und Indien. Zwei Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs scheint damit eine weitere Mauer durchbrochen: Wo immer das Konferenzgespräch auf Asien fällt, herrscht Hochbetrieb in Stockholm. Machtansprüche in Zentralasien
Yang Cheng vom Zentrum für russische Studien in China prophezeit in seinem Referat über die Shanghai Cooperation Organisation, dass es nach dem Machtspiel zwischen Russland und Großbritannien im 19. Jahrhundert kein neues Great Game um Zentralasien geben werde. Der Chinese formuliert zuerst behutsam, liest in den Augen der Zuhörer die Reaktion auf jeden seiner Sätze ab. Yang betont, dass er trotz seiner früheren Tätigkeit für das Außenamt der Volksrepublik lediglich seine akademische Privatmeinung wiedergebe. Der Mann beginnt dieses Unterfangen mit einer Anekdote von einer Konferenz in Schanghai 2009, die er vorgibt, selbst nicht zu mögen: In Schanghai letztes Jahr also habe ein Abgeordneter der russischen Staatsduma seine chinesischen Kollegen darauf hingewiesen, dass Zentralasien das „Mädchen Russlands“ sei. „Wie könne China – ein Freund Russlands – es wagen, uns die Frau auszuspannen“, habe der russische Abgeordnete in die Runde gefragt, worauf ein chinesischer Kollege erwidert habe, dass jemand sich um die Verlassene doch kümmern müsse. |