| „Europa und Zentralasien näher bringen“ | | Drucken | |
|   Interview: Konstantin Dallibor | |
| Donnerstag, 15. Juli 2010 | |
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/ Bild: Bundesbildstelle Berlin. 'Rainer Brüderle, Bundesminister für Wirtschaft und Technologie'/ Herr Brüderle, Sie gelten als starker Vertreter des deutschen Mittelstandes. Welchen Stellenwert und welches Potential hat Kasachstan als Absatzmarkt und Produktionsstandort für diese Wirtschaftsgruppe? Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Exportgarantiepolitik des Bundes (Hermes) gegenüber Kasachstan?
Kasachstan ist für die deutsche Wirtschaft das wichtigste Land in Zentralasien. Dies hat sich auch durch die globale Wirtschaftskrise nicht geändert. Gerade die in der deutschen Außenwirtschaft engagierten und erfolgreichen mittelständischen Unternehmen halten an ihrem Engagement in Kasachstan fest und sehen die großen Chancen, die dieser wichtige Markt bietet. Im November letzten Jahres besuchte im Rahmen einer Bestandsaufnahme eine zwölfköpfige Wirtschaftsdelegation des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft unter Leitung von Klaus Mangold die Länder Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan. Die Usbeken sind von der Baumwollproduktion auf die Automobilindustrie umgestiegen, Turkmenistan will sein Gas in die Nabucco-Pipeline einspeisen und Kasachstan hat neben der Zollunion mit Russland und Belarus in diesem Jahr den OSZE-Vorsitz. Insgesamt sieht die Zentralasienstrategie der EU bis 2013 750 Millionen Euro für alle fünf zentralasiatischen Staaten vor. Auf welchem Land liegt aus Ihrer Sicht der Schwerpunkt, und wo sollte dies von den Deutschen bilateral flankiert werden?
Mit der auf deutsche Initiative erarbeiteten Strategie für eine neue Partnerschaft mit Zentralasien vom Juni 2007 hat die EU die Beziehungen zu den fünf Ländern Zentralasiens intensiviert. In den vergangenen drei Jahren wurden bei der Umsetzung der in der Strategie festgelegten Prioritäten bereits bedeutende Fortschritte in verschiedenen Bereichen erzielt: Bildung, wirtschaftliche Entwicklung, Handel und Investitionen, Energie und Verkehr, Umweltpolitik sowie gemeinsame Bedrohungen und Herausforderungen. Außerdem wurden umfangreiche Initiativen zur Förderung der Menschenrechte, der Rechtsstaatlichkeit, der verantwortungsvollen Staatsführung und der Demokratisierung eingeleitet. Wie beurteilen Sie das Kasachstan-Jahr in Deutschland 2009 und welche Impulse erwarten Sie sich vom diesjährigen Deutschland-Jahr in Kasachstan? Ich stelle mit Freude fest, dass das „Jahr Kasachstans in Deutschland“ 2009 mit seinen vielfältigen und hochkarätig besetzten Veranstaltungen Ihr Land dem deutschen Publikum näher gebracht hat. 2010 wollen wir mit dem „Deutschland-Jahr in Kasachstan“ unser modernes Deutschland präsentieren und setzen dabei besondere Akzente auf Bildung, Jugend und Umwelt. Beides bot bzw. bietet für unsere beiden Länder eine hervorragende Gelegenheit, unsere Freundschaft und Partnerschaft zu vertiefen und die zwischenmenschlichen Beziehungen zu stärken. Dies gilt auch für den Ausbau der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen. Werden Sie wie Ihr Vor-Vorgänger Michael Glos im Oktober am Tag der Deutschen Wirtschaft in Kasachstan teilnehmen? Mein Terminkalender erlaubt mir dies leider nicht, jedoch wird unsere Bundeskanzlerin, Frau Dr. Merkel, am 18. Juli 2010 in Ihr Land reisen. Ich bin mir sicher, dass dieser Besuch auch für den Ausbau unserer bilateralen Wirtschaftsbeziehungen neue Impulse geben wird. Wie können die deutsche Wirtschaft und der Mittelstand von den Modernisierungs- und Diversifizierungsprogrammen der kasachischen Wirtschaft und der vier anderen zentralasiatischen Staaten noch stärker profitieren?
In den Ländern Zentralasiens besteht ein erheblicher Modernisierungsbedarf bei der Entwicklung und Diversifizierung der Wirtschaft. Genau diesen Bedarf kann die deutsche Wirtschaft mit ihren qualitativ hochwertigen Investitionsgütern decken. Sie liefert dabei ein Sortiment, eine Angebotspalette, wie kaum ein anderes Land. Erst die Wirtschaft, dann die Politik lautet ein Motto in Kasachstan, d. h. nach der ökonomischen Modernisierung sollen die politischen Reformen erfolgen. Wie sehen Sie das? Nach meiner Meinung muss beides Hand in Hand gehen: Politische Öffnung erleichtert wirtschaftlichen Fortschritt. Für ein erfolgreiches Auftreten Kasachstans auf den internationalen Märkten ist es wichtig, dass seine Bürger mehr und mehr Verantwortung für eigene politische Entscheidungen übernehmen. Welche Rückmeldungen erhalten Sie von deutschen Unternehmern, z.B. dem Deutschen Wirtschaftsklub (DWK) aus Kasachstan? Was wird positiv gesehen, wo könnte der Handlungsrahmen verbessert werden?
Der Deutsche Wirtschaftsklub mit derzeit bereits weit über 100 Mitgliedern ist in der Tat stärkstes Sprachrohr und Interessenvertreter der deutschen Wirtschaft in Kasachstan. Die Zusammenarbeit mit ihm und auch mit der Delegation der Deutschen Wirtschaft für Zentralasien ist uns wichtig. Positiv sehe ich, dass selbst im vergangenen Krisenjahr 2009 der Deutsche Wirtschaftsklub keine Mitglieder wegen Firmenschließungen verloren hat. Es sind im Gegenteil neue hinzugekommen, die im vergangenen Jahr ihre Tätigkeit in Kasachstan erst begonnen haben. Das zeigt die Möglichkeiten, die deutsche Firmen, insbesondere kleine und mittlere Unternehmen, in diesem Markt sehen und von den Chancen, die sie sich auch aus der Politik der angestrebten und notwendigen Diversifizierung der kasachischen Wirtschaft erhoffen. Die internationale Finanzkrise hat auch Kasachstan getroffen. Wie beurteilen Sie die momentane wirtschaftliche Situation im Land und die Maßnahmen der Regierung?
Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise hat unsere beiden Länder hart getroffen und zu einschneidenden Maßnahmen gezwungen. Deutschland als Exportnation ist in besonderer Weise von der Krise betroffen und hat staatliche Mittel in großem Umfang zur Stützung des deutschen Bankensektors eingesetzt. Mit dem Finanzmarktstabilisierungsgesetz mit einem Gesamtumfang von 480 Milliarden Euro wurde Vertrauen in die Märkte zurückgebracht. Damit sind wir unserer Verantwortung für die Weltwirtschaft gerecht geworden. Daraus leitet sich die Empfehlung ab, dass der kasachische Staat in gleicher Weise handelt und seiner Verantwortung für seinen Bankensektor gerecht wird. Wo sehen Sie die bilateralen Beziehungen in fünf Jahren? Deutschland und Kasachstan verbinden besondere, freundschaftliche Beziehungen, auch durch die ethnischen Deutschen als verbindendes Glied. Wir pflegen eine langjährige und wertvolle Freundschaft und Zusammenarbeit auf vielen Politikfeldern. Nach meiner Einschätzung haben insbesondere unsere Wirtschaftsbeziehungen ein riesiges Potential. Kasachstan bleibt wichtigster Wirtschaftspartner der deutschen Wirtschaft in Zentralasien. Deutsche Technologie und deutsche Investitionen können die weitere Industrialisierung in Kasachstan fördern. Diese Freundschaft ist auf lange Zeit angelegt: Sie wird auch in fünf Jahren noch fest sein und sich weiter stärken. Interview: Konstantin Dallibor |